Kategorie-Archiv: blog

weblog

Gute Geister der Hoffnung

 

17. Januar 2010 Jahrhunderthalle Frankfurt, im Rahmen des Musicals HOPE aufgebaut im Foyer.

 

 

 

Guntram Prochaskas Knorrholzwesen – Hoffnung auf gute Geister für unsere Welt!

 

Der spanische Dichter Rafael Alberti (1909-1999), der nach dem Faschismus für die KP im spanischen Parlament saß, beschwört in seinem Lyrikband ‚Über die Engel‘ den Kampf in himmlischen Welten.

Heile Welt gibt es nicht!?

Albertis Engelbuch ist musikalisch, eine große Klage über das Gefühl, im Himmel habe es so schwere Dramen gegeben, dass nun auch auf Erden keine Ruhe mehr ist. Da fallen zerfetzte Flügel vom Himmel und der ‚Schutzengel‘ verwest bereits. Es geht wirklich unter die Haut. Das letzte Gedicht heißt ‚Der überlebende Engel‘.

Und es gibt mitten im Buch die Figur des ‚guten Engels‘. Dieser Engel ist die Hoffnungsgestalt. Er hat den Sound einer monumentalen Kathedralen-Glocke. Aus dem Durcheinander wachsen Sehnsucht und Glaube – die unverwüstliche, überlebensnotwendige Hoffnung gegen allen Augenschein:

 

Versunkne Galeonen segeln.
Das Licht netzt den Fuß im Wasser.

 

Glockenklänge!

 

Geschwinder kreiselt die Luft.
Die Welt, obwohl sie noch immer
Welt ist, hat Platz in der Hand
eines kleinen Mädchens.

 

Heile Welt gibt es nicht?!

An dieses Werk des spanischen Dichters muss ich denken, wenn ich auf Guntram Prochaskas Installation zu ‚Hope‘ schaue: gestikulierende, kettengesägte Engel-Knorrholzwesen bevölkern den Erdkreis, besetzen ihr abgegrenztes, seil-‚verspanntes‘, einsames Terrain, ihre Flügel schlagen aus jeder Körperpartie, wild und sanft, rau und zärtlich, zähneknirschend und lächelnd. Getrieben von Abwehr und Sehnsucht nach Begegnung. Alle Flügel folgen gewachsenen Baumpartien, sind naturhaft und fließend wie die Bewegungen der Sänger des Musicals. Tanzfiguren?

 

Guntram Prochaska versteht seine Holz-Skulpturen als ‚gute Geister‘. Sie entstehen aus dem Wuchs, den die Biografie des Baumes an seinem bestimmten Standort ihnen gegeben hat: Der Sturm hat den Baum geduckt, der Wind erhoben. Der Regen hat ihn durchweicht, die Sonne eingerissen. Die Nacht hat ihn geschwärzt, der Tag ausgebleicht. Pilze haben ihn ausgesaugt, Borkenkäfer ausgehöhlt, Himmel und Erde haben ihn ernährt.

‚Gute Geister‘ – die Überlebenden der heillos-heilen Welt.

Holz verweist auf gelassenes Mitschwingen in den widersprüchlichen Kräften der Natur.

Politisch gedeutet heißt das: nicht auf heilbringende Führergestalten blicken! Sie können täuschen. Nein! Nur das nicht! (Hatten wir das nicht schon?)

Vielleicht weist aber ein einflussreicher Mensch die ‚Entspanntheit‘ der naturhaften, baumgewachsenen Knorrholzwesen auf? In aller Widersprüchlichkeit?

 

Es gibt Menschen von heilsamem (und manchmal großem) Einfluss auf die Welt.

Gute Geister eben.

 

Hanna Jüngling